Jurek Slapa

Interview mit Jurek M. Slapa, geschäftsführender Gesellschafter sop Architekten

slapa oberholz pszczulny | sop architekten entwickelt Bauwerke in den Bereichen Büro-, Gewerbe-, Hotel-, Industrie- und Wohnungsbau sowie Flughäfen, Sportstätten oder Einrichtungen für Lehre und Forschung. Das international tätige Büro mit rund 90 Mitarbeitern und Sitz in Düsseldorf steht für eine klare, zeitlose Architektursprache. Bauten wie das Hyatt Hotel im Düsseldorfer Medienhafen, das EM-Stadion in Breslau, das Campustower Wohngebäude in der Hafencity Hamburg, die Textilakademie NRW oder die Erweiterung des Terminal 1 am Flughafen München zählen zu den Referenzen des Büros. Neben den Namensgebern, Jurek M. Slapa, Helmut Oberholz und Zbigniew Pszczulny, gehören Wolfgang Marcour und Lothar Simonis zu den geschäftsführenden Gesellschaftern von sop architekten.

1. Wie geht es Ihnen persönlich in diesen Zeiten. Welche Gedanken bewegen Sie als Privatperson und als Unternehmer?

Jurek M. Slapa: Zunächst bin ich sehr froh darüber, dass bislang keiner aus meiner Familie und auch keiner unserer Mitarbeiter an dem Corona-Virus erkrankt ist und ich hoffe, dass das auch so bleibt. Wir sind im Moment alle gesund und das ist die Hauptsache! Erschreckend ist, wie ein so kleines, unscheinbares Virus die gesamte Welt auf den Kopf stellt und wie schnell die globalisierte Wirtschaft aus ihrem scheinbaren Gleichgewicht gerät. Unsere Gesellschaft war auf eine mögliche Pandemie überhaupt nicht vorbereitet. Viele Menschen kämpfen nun um ihre Existenz, sind verängstigt und verunsichert und das anfängliche Verständnis schlägt bei einigen nun in Ignoranz oder Wut um, obwohl Deutschland die Situation frühzeitig entschärfen konnte. Nun müssen wir nach vorne schauen und ich bin eigentlich zuversichtlich. Als Privatperson freue ich mich darauf, meine Kinder und Enkel irgendwann wieder fest in die Arme schließen zu können. Und als Unternehmer denke ich vor allem an die Gesundheit unserer Mitarbeiter. Mitte März hatten wir die gesamte Mannschaft ins HomeOffice geschickt, nun haben wir zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um mit einem Großteil auch wieder im Büro arbeiten zu können. Wir hoffen, dass wir ohne einen Corona-Fall durch diese Krise kommen werden.

2. Viele beobachten einen Wertewandel in der Gesellschaft. Können Sie diesen bejahen und wie wirkt dieser sich womöglich auf das Interesse oder Verständnis für Architektur aus? Und wie auf Ihre mittel- und langfristige Auftragslage bei sop Architekten? Schließlich wollen auch Architekten Geld sehen und das könnte fehlen?

Jurek M. Slapa: Durch die Pandemie werden uns Verhaltensweisen aufgezwungen, die wir als soziale Wesen nicht gewohnt sind. Der Stillstand und die Isolation haben alte Lebensgewohnheiten und Werte über Nacht in Frage gestellt. Plötzlich war der Mensch gezwungen, sich mit sich selbst zu befassen und seine eigenen und die Bedürfnisse seines Partners oder seiner Familie neu zu entdecken. Menschen in Städten steigen aufs Fahrrad und joggen in den städtischen Parks. Dieses Momentum wird sicherlich Einfluss auf die zukünftige Stadtentwicklung haben, Grünflächen und Fahrradwege werden zunehmen. Was die Gesellschaft meiner Meinung nach aber viel deutlicher trifft, sind die wirtschaftlichen Folgen, die aus der Krise resultieren und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich weiter verstärken werden. Denn die Auswirkungen der weltweiten Rezession treffen vor allem die Ärmsten, da brauchen Sie nur mal einen Blick auf die aktuelle Lage in den Entwicklungs- und Schwellenländern zu werfen. Aber auch in Deutschland werden Städte und Kommunen, Unternehmen und Projektentwickler weniger finanziellen Spielraum für Investitionen haben und das wird sich natürlich auch auf den Bauund Immobiliensektor auswirken. Krisen erreichen die Baubranche immer verspätet. Bestehende Verträge laufen und Projekte müssen fertiggestellt werden. Zudem war die Auftragslage jahrelang ungebrochen hoch, so dass wir uns teils vor Anfragen kaum retten konnten. Aber erste Vorzeichen einer Krise machen sich bemerkbar. Manche Aufträge werden verschoben, Vertragsabschlüsse kommen schleppender zustande. Das wird das grundsätzliche Interesse an Architektur nicht verändern, aber sicher gehen wir einer Zeit entgegen, in der wir uns beispielsweise wieder verstärkt mit Bestandsarchitektur und Revitalisierungen beschäftigen werden oder endlich und ernsthaft mit günstigem Wohnraum. Wir Architekten wurden in den letzten Jahren sehr verwöhnt, teilweise sind dabei die Maßstäbe verloren gegangen. Die Krise wird uns zum Umdenken zwingen und uns wieder zurück zu dem ewig geltenden Leitsatz führen: form follows function. Gute Architektur folgt einer guten Funktion – und nicht umgekehrt.

Auch bei Büro- und Verwaltungsbauten werden Außenflächen weiter an Bedeutung gewinnen. Das trivago Headquarter mit seiner Joggingstrecke und den weit ausladenden Terrassen mag die Ausnahme bleiben, aber es stellt ein Leuchtturmprojekt dar, das viele Unternehmen inspiriert. Terrassen oder begrünte Innenhöfe, die den Mitarbeitern die Möglichkeit bieten, bei gutem Wetter auch im Freien arbeiten zu können, werden von uns in fast jedem neuen Büroprojekt geplant und sind stark nachgefragt.

3. Corona löst keine Trends aus, es beschleunigt längst vorhandene. Um welche Trends handelt es sich konkret?

Jurek M. Slapa: Corona beschleunigt die digitale Revolution und den gesellschaftlichen Wandel, der damit einhergeht. Die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz werden unsere Arbeits- und Lebensweisen stärker verändern, als es die Auswirkungen der industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert getan haben. Deutschland hat hier lange in einem Dornröschenschlaf gelegen. Der Ausbruch der Pandemie hat nun zahlreiche Unternehmen und Bildungsinstitutionen quasi über Nacht in das neue Zeitalter katapultiert. Und plötzlich haben viele Firmen bemerkt, dass es ja doch gar nicht so schwer ist mit dem Home-Office und den Videokonferenzen. Das gilt genauso für uns und unsere Branche. Aber auch die negativen Folgen der Digitalisierung verstärken sich mit den neuen Regeln, die uns die Pandemie aufzwängt. Menschen ziehen sich zurück, kommunizieren verstärkt im virtuellen Raum und die soziale Interaktion nimmt ab. Vereinsamung, Egoismen und die Anfälligkeit für krude Theorien und Populismus sind die Folge. Auch der Wandel unseres Konsumverhaltens und damit der Wandel der Innenstädte wird durch Corona weiter vorangetrieben. Der klassische Einzelhandel stirbt noch schneller aus, zahlreiche Shopping-Center und Geschäfte in den Einkaufsstraßen stehen leer. Ein Umdenken findet hier bereits statt, wie die leeren Flächen anders genutzt werden können. Und natürlich gab der abrupte Stillstand ganzer Industriezweige, der Einbruch der Tourismusbranche und des Flugverkehrs der weltweiten Klimabewegung und Fridays for Future innerhalb kürzester Zeit Recht, welche positiven Auswirkungen eine entschleunigte Weltwirtschaft auf die Umwelt hat. Auch, wenn die Aufmerksamkeit hierfür durch Corona abgelöst wurde, das Bewusstsein für den Klimawandel hat zugenommen und wird auch die Architektur stark beeinflussen.

4. Krisen bieten auch Chancen, Vieles zu überdenken und einen Perspektivenwechsel einzuleiten. Ersehen Sie die Pandemie als Chance für Ihr Büro? Und auch für die gesamte deutsche Architektenschaft?

Jurek M. Slapa: Es bleibt zu hoffen, dass der Wertewandel in der Immobilienwirtschaft, der bereits vor der Krise mit dem Erstarken der Klimabewegung begonnen hatte, anhalten wird. Ressourcenschonendes Bauen, klimaneutrale oder klimapositive Gebäude werden eingefordert, das Ergebnis des Wettbewerbs für das Rathaus der Zukunft in Mönchengladbach ist hier ein gutes Beispiel. Stuttgart hat vor wenigen Tagen angekündigt, städtische Immobilien zukünftig nur noch klimaneutral oder positiv bauen oder sanieren zu lassen. Entsprechende Referenzen werden dann zum Wettbewerbsvorteil. Wenn das Konjunkturpaket und die milliardenschweren Investitionen der Bundesregierung und der EU richtig eingesetzt werden, kann das die Chance bieten, diesen Prozess weiter zu beschleunigen. Gerade im Gegensatz zu den USA oder Brasilien könnte Deutschland, im besseren Fall ganz Europa, hier eine wichtige VorreiterRolle einnehmen.

Was sich durch die Krise sicherlich in vielen Bautypologien stärker durchsetzen wird, sind flexible und leicht veränderbare Grundrisse. Hier wird das, was in der Büroarchitektur schon zum Standard gehört, auch in anderen Bautypologien Einzug halten.

5. Es war schon immer so, dass das Geschäft der Architekten durch Wandel generiert wurde, weniger aus dem schieren quantitativen Bedarf, sondern durch sich veränderte Anforderungen. Demnach gehen Sie als Architekt positiven Zeiten entgegen. Wie beurteilen Sie die Lage?

Jurek M. Slapa: Das kann man so oder so sehen. Wenn Investitionen ausbleiben und sich die Rezession auch auf den Bausektor niederschlagen wird, ist das natürlich erstmal nicht so positiv. Sicherlich werden wir uns dann vermehrt mit kleineren Projekten befassen, mit Umbauten oder Revitalisierungen. Aber gerade da eröffnet die Krise die Möglichkeit, die Themen anzupacken, die zu lange ignoriert wurden. Was machen wir mit leerstehenden Immobilien? Wie schaffen wir wirklich günstigen Wohnraum? Welche neuen Bauweisen und Materialien gibt es, die nachhaltiges, aber gleichzeitig günstigeres Bauen ermöglichen? Und natürlich werden wir wieder vermehrt an Wettbewerben teilnehmen, wenn weniger Direktaufträge eingehen. Das kann der Architektur insgesamt einen Schub vermitteln, wenn viele gute Konzepte um die beste Idee ringen. Harter Wettbewerb sorgt am Ende für gute Architektur!

6. Sie haben bei sop Architekten ein breites Spektrum an Bautypologie- Referenzen vorzuweisen. Welchen Auswirkungen wird die Krise Ihrer Einschätzung nach auf die verschiedenen Bautypologien wie Wohnungsbau, Büro- und Verwaltungsbau, Forschung und Lehre, Retail und auf Kulturbau haben? Sowohl in Bezug auf ihren Bedarf als auch ihre Architektur?

Jurek M. Slapa Ob die Corona-Pandemie so einen starken Einfluss auf die Architektur nehmen wird, wie es beispielsweise die Spanische Grippe tat, bleibt offen. Aber auch hier verstärken sich Trends, die vorher schon bestanden. Die zunehmende Bedeutung von Außenbereichen beispielsweise, im Wohnen wie im Bürobereich. Nicht jeder hat das Glück oder den Luxus gehabt, während der Ausgangsbeschränkungen auf dem Balkon oder gar 03 grohe.de in seinem Garten sitzen zu können. Auch kleinere Wohnflächen, gerade in Großstädten, müssen über Außenbereiche verfügen. Hier ist aber auch der Staat gefragt. Er muss neue Richtlinien für verbessertes Wohnen in Ballungszentren definieren. Wir Architekten sind dann gefordert, diese Richtlinien ökonomisch und ökologisch sinnvoll umzusetzen. Aber auch bei Büround Verwaltungsbauten werden Außenflächen weiter an Bedeutung gewinnen. Das trivago Headquarter mit seiner Joggingstrecke und den weit ausladenden Terrassen mag die Ausnahme bleiben, aber es stellt ein Leuchtturmprojekt dar, das viele Unternehmen inspiriert. Terrassen oder begrünte Innenhöfe, die den Mitarbeitern die Möglichkeit bieten, bei gutem Wetter auch im Freien arbeiten zu können, werden von uns in fast jedem neuen Büroprojekt geplant und sind stark nachgefragt. In der Arbeitswelt wird sich der Flächenbedarf durch die größtenteils guten Erfahrungen mit dem Home-Office verändern und die desk-sharing-Rate wird zunehmen. Beim Rathaus in Mönchengladbach reagieren wir darauf bereits jetzt in der frühen Planungsphase. Was sich durch die Krise sicherlich in vielen Bautypologien stärker durchsetzen wird, sind flexible und leicht veränderbare Grundrisse. Hier wird das, was in der Büroarchitektur schon zum Standard gehört, auch in anderen Bautypologien Einzug halten. Gerade bei Bildungsbauten. Zusammenschaltbare Räume, bewegliche Trennwände und multifunktionale Flächen sind ein Vorteil, wenn man flexibel auf sich verändernde Klassengrößen oder einen zunehmenden Flächenbedarf reagieren muss. Der Retail-Bereich war auch schon vor Corona einem starken Wandel ausgesetzt, der jetzt rasant an Fahrt aufnimmt. Shopping-Centern und Warenhäusern müssen ganz neue Nutzungsformen zugeführt werden und der Handel und Verkauf selbst präsentiert sich mehr als Erlebnis- denn als Verkaufsfläche. Über hoch frequentierte Flächen mit Publikumsverkehr, die Steuerung von Besucherströmen muss auch neu nachgedacht werden.

Sicherlich wird es kein Zurück zu Einzelbüros in Zellenstruktur geben, aber große Flächen werden zunehmend in Zonen unterteilt, in denen sich kleinere Gruppen oder Teams aufhalten. Räume, die auf Knopfdruck oder mit einfachen Umbaumaßnahmen vergrößert oder verkleinert und für Besprechungen oder für mobile Arbeitsplätze genutzt werden können, garantieren die flexible Nutzung von Büroflächen und helfen mir als Unternehmer auf jede Situation entsprechend reagieren zu können

Jurek M. Slapa
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