Huide Tower Shenzhen, ©HPP Architekten GmbH

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Interview mit Gerhard G. Feldmeyer, Geschäftsführender Gesellschafter HPP Architekten

Gerhard G. Feldmeyer, geboren 1956, studierte Architektur an der Universität Stuttgart sowie an der University of the Southbank in London. In den 80er Jahren arbeitete er im Büro Kikutake in Tokio sowie im Büro Gerkan, Marg und Partner in Hamburg. Seit 1989 ist Gerhard G. Feldmeyer bei HPP, wo er zunächst die Büros in Hamburg und Berlin leitete. Seit 2002 ist er in der Gesamtleitung des Büros. Gerhard G. Feldmeyer hatte einen Lehrauftrag an der Nippon University in Tokio, hält regelmäßig Vorträge und veröffentlicht in Büchern sowie Fachzeitschriften. Seine wichtigsten Publikationen sind „The New German Architecture“ und „HPP Hentrich-Petschnigg & Partner 1988 – 1998“, beides Rizzoli Verlag.
Gerhard G. Feldmeyer ist Mitglied im BDA und in der Architektenkammer NRW.

1. Herr Feldmeyer, wie geht es Ihnen in diesen Zeiten? Welche Gedanken bewegen Sie als Privatperson und als Unternehmer?

Gerhard G. Feldmeyer: In beiderlei Hinsicht geht es mir sehr gut. Ich bin eigentlich, und das gilt auch für meine Kollegen, sehr optimistisch. Weil neben den tragischen Seiten dieser Krise auch erkennbar wird, dass sie gleichzeitig enorme Chancen offenbart. In einer fast achtwöchigen Phase haben wir uns mittlerweile entschleunigt und eine andere Perspektive auf viele Dinge eingenommen. Wir ziehen unsere Schlüsse nicht mehr so sehr reflex-basiert. Es wird mir jetzt nach und nach bewusst, dass wir in der Vergangenheit Fragen – ohne neue Gedanken zuzulassen – oftmals aus der Erfahrung und eben aus den Reflexen heraus beantwortet haben. Auch unsere Natur profitiert von der Krise. Ich hatte letzte Woche ein Gespräch mit einem Kollegen in Seoul in Korea, und in Seoul war es ja so, dass über die Jahre zunehmend vorwiegend aus China nach Korea übergetragener Smog das Bild der Stadt prägte. Nun sieht die Stadt Seoul seit Monaten komplett anders aus. Und das gilt auch für viele andere Dinge, diese Pause für unsere Umwelt macht mich sehr, sehr optimistisch und stimmt mich positiv. Wir sehen, dass es möglich ist, durch weniger Abgase etwas zu bewirken.

2. Corona scheint einen Wertewandel in der Gesellschaft einzuleiten. Hat er womöglich auch Auswirkungen auf die Art, wie unsere Gesellschaft zukünftig Architektur versteht oder sich für sie interessiert?

Gerhard G. Feldmeyer: Wir müssen in Betracht ziehen, dass wir uns jetzt noch in einer Phase befinden, in der wir die Dinge sehr emotional betrachten. Und aus dieser Emotionalität heraus dazu neigen, sehr radikale Positionen einzunehmen. Ist die Krise erst einmal überwunden, werden auch bestimmte Erkenntnisse schnell wieder in Vergessenheit geraten. Das ist eine Lehre aus Krisen der Vergangenheit, auch wenn diese vielleicht nicht so einschneidend waren wie Corona. Die Menschheit fällt oftmals wieder – zumindest ein Stück - in alte Muster zurück. Dennoch ist Corona auf jeden Fall ein radikaler Impuls für den eigentlich schon begonnenen Strukturwandel. Es war schon immer so, dass unser Geschäft durch Wandel generiert wurde, weniger aus dem schieren quantitativen Bedarf, sondern durch sich verändernde Anforderungen. Wir haben leerstehende Bürogebäude und der Laie fragt sich, warum immer wieder neue Bürohochhäuser oder Bürokomplexe gebaut werden. Aber Fakt ist, dass ein Gebäude heute maximal zwischen 15 und 30 Jahren den Anforderungen gerecht wird, die sich aus sich verändernden Arbeitsprozessen, gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhängen ergeben. Wir sind gerade dabei, in Düsseldorf ein erst siebzehn Jahre altes Gebäude radikal zu überplanen, da dem Eigentümer bewusst wurde, dass er das Gebäude in der bestehenden Form nicht nachvermieten kann. Vor der Krise nicht und nach der Krise erst recht nicht. Die Art und Weise, wie sich Unternehmen baulich präsentieren, ist entscheidend für erfolgreiches Recruitment. Das heißt, die Krise wird einen anderen Blick auf die Dinge werfen. Ich glaube nicht, dass es in diesem Zusammenhang zu Verzicht oder zu Vereinfachung kommen wird. Ich glaube vielmehr, dass wir Systeme noch intelligenter vernetzen und intelligente Schnittstellen schaffen müssen. Die Anforderungen an Architekten werden zunehmen. Wir haben viele Teilsysteme, die wir jetzt smart vernetzen müssen.

Das Büro als Ort wird in keiner Weise überflüssig, es bleibt ein Ort der Identifikation. In der FAZ wurde es kürzlich von Sven Wingerter als eine Art „Lagerfeuer“ beschrieben, an dem dieser ‚Spirit‘ entsteht, damit ein Unternehmen auch als sozialer Organismus funktioniert.

3. Sie sprachen soeben den längst begonnen Strukturwandel an. Die Pandemie ist ein Beschleuniger längst vorhandener Trends. Um welche Trends handelt es sich konkret?

Gerhard G. Feldmeyer: Es gibt das Thema der Blauen Revolution. Das ist eine ökologische Wende, die begonnen hat, die aber nicht primär auf Verzicht und Reduktion setzt, sondern auf kreative und öffnende Verbindungen zwischen Technologie und Systemintelligenz. Zunächst meinte man wahrscheinlich Energieeffizienz in Verbindung mit dem Thema der Nachhaltigkeit. Heute gehört viel mehr dazu. Ein großes Thema sind die Zusammenhänge von Gebäuden und Gesundheit. Wir wählen verstärkt Baustoffe nach ihren Inhaltsstoffen aus: Zum Beispiel der Vermeidung giftiger Emissionen, die die Innenraumluft oftmals schlechter machen, als die auf einer stark befahrenen Straße. Büros werden heute so konzipiert, dass sie Kommunikation und agiles Arbeiten ermöglichen, dass die Menschen eben nicht acht oder zehn Stunden wie angewurzelt an ihrem Arbeitsplatz sitzen, ihren Rücken schädigen, sondern dass wir alle agiler, aktiver, mehr in Bewegung, im Wechsel stehend und sitzend und uns im Büro somit einfach gesünder verhalten. Also Gesundheit ist definitiv ein Mega-Trend, der durch die Pandemie deutlich mehr ins Blickfeld rücken wird. Wir haben im Medienhafen in Düsseldorf, nur einen Steinwurf entfernt von unserem Büro, ein sich im Bau befindendes Projekt, wo wir all diese Themen ‚erforscht‘ haben und ganz nebenbei ein ‚Cradle to Cradle‘ Gebäude realisieren. Obwohl die Immobilienbranche in Gänze vom Entwickler über den Nutzer bis hin zum Endanleger noch ein gerütteltes Maß an Skepsis hat, ob solche Gebäude langfristig werthaltig sind. Auch diese Menschen, die tendenziell konservativ sind, werden wachgerüttelt und werden sich diesen Themen öffnen sowie neue Strategien entwickeln müssen. Ich bin überzeugt, das wird sehr schnell gehen.

4. Es werden viele positive Seiten dieser Entwicklung erkannt, aber hat die immer schnelllebigere Zeit nicht auch eine Kehrseite?

Gerhard G. Feldmeyer: Ja, völlig richtig. Alle sind begeistert, dass wir z.B. viel weniger Meetings physisch abhalten müssen, da es mit Videokonferenzen großartig funktioniert. Ganz zu schweigen von der geringeren Reisetätigkeit, die damit einher geht. Ich bin diesbezüglich aber nicht ganz so euphorisch. Sicherlich werden wir zukünftig noch mehr auf die digitalen Werkzeuge setzen und mehr vom Homeoffice aus erledigen. Aber Menschen sind letztlich doch soziale Wesen und nicht irgendwie ein Teil eines digitalen Systems. Fakt ist, dass wir einen Teil unseres Wissens nicht mehr im Kopf speichern, sondern in unseren Smartphones. Wir merken uns viele Dinge nicht mehr, weil wir wissen, dass alles abrufbar ist. Das Smartphone als externe Festplatte unseres Gehirns. Das Thema der sozialen Kontakte dürfen wir aber auch in Zukunft nicht unterbewerten. Deshalb wird das Büro als Ort in keiner Weise überflüssig werden. Möglicherweise wird Desksharing in Verbindung mit Homeoffice anteilig zum Tragen kommen, aber es bleibt ein Ort der Identifikation: In der FAZ wurde es kürzlich von Sven Wingerter als eine Art „Lagerfeuer“ beschrieben, an dem dieser ‚Spirit‘ entsteht, damit ein Unternehmen auch als sozialer Organismus funktioniert. Ich glaube, dass diese Interaktion auch ein wesentlicher Treiber unserer Kreativität ist. Wir versuchen, aktuell Wettbewerbe auch mit Hilfe von Videokonferenzen voranzubringen und arbeiten dabei gleichzeitig auf mehreren Kontinenten zusammen. Ich verspüre aber bei komplexen Aufgaben immer wieder das Problem, dass ich doch gerne zum Stift greifen möchte, um etwas zu skizzieren. Natürlich kann man das auch digital tun, aber die Haptik ist unersetzlich und wird auch in den nächsten 100 Jahren nicht verschwinden. Vielleicht wird das Büro als Ort der Begegnung dann mehr geschätzt denn je. Ja. Man wird auch noch ganz andere Dinge in die Bürowelt integrieren. Ich glaube, in wenigen Jahren gibt es in vielen Büros einen Fitnessclub. Möglicherweise werden Mitarbeitern vitale Food-Konzepte für die Mittagspause zur Auswahl gestellt. Einerseits als Wertschätzung, andererseits um vielleicht für gesunde Ernährung ein stärkeres Bewusstsein zu entwickeln. Wir haben in unserem neuen Büro in Düsseldorf einen multifunktionalen Raum mit integrierter Küche, wo wir die Themen Ernährung und Gesundheit fördern wollen. Das fällt unter den Begriff Achtsamkeit, ein Begriff, der jetzt in der Krise eine stärkere Beachtung erlangt hat. Den Begriff kannte ja kaum jemand vor einem Jahr. Interessanterweise habe ich anlässlich unserer Weihnachtsfeier 2018 meine Rede an die Mitarbeiter unter den Begriff Achtsamkeit gestellt. Ich fühle mich in besonderer Weise bestätigt, weil ich glaube, das wird auch in den zukünftigen Arbeitswelten eine große Bedeutung erlangen. Menschen sind nicht digital, sondern soziale Wesen.

Büros werden heute so konzipiert, dass sie Kommunikation und agiles Arbeiten ermöglichen, dass die Menschen eben nicht acht oder zehn Stunden wie angewurzelt an ihrem Arbeitsplatz sitzen, ihren Rücken schädigen, sondern dass wir alle agiler, aktiver, mehr in Bewegung, im Wechsel stehend und sitzend und uns im Büro somit einfach gesünder verhalten.

5. Würden Sie heute mit den Corona-Erfahrungen Ihr neues Büro in Düsseldorf anders geplant haben?

Gerhard G. Feldmeyer: Nein, wir haben Vieles richtig gemacht, wir haben heute mehr Fläche bei gleicher Anzahl der Mitarbeiter. Und das kommt uns jetzt entgegen, weil wir die Luft haben und die Kollegen nicht so dicht zusammensitzen müssen und somit leichter Abstand halten können. Wir haben auf Laptops umgestellt, also keine festen Rechner mehr am Arbeitsplatz. Wir haben die Möglichkeit, zwischen dem Arbeitsplatz, Projekträumen, Rückzugsmöglichkeiten und Lounges unser Arbeitsleben sehr viel agiler und flexibler zu gestalten. Das Hauptanliegen unserer 100 m² im Erdgeschoss war, dass wir im Stadtraum erlebbarer werden möchten, weil wir mit unserer über 85-jährigen Geschichte in Düsseldorf auch ein Teil der DNA dieser Stadt sind. 03 grohe.de Wir wollten raus aus dem Verborgenen und stärker wahrgenommen werden. Nicht nur durch unsere realisierten Projekte, sondern auch an dem Ort, an dem ein großer Teil unserer kreativen Prozesse stattfindet – und das für jeden Passanten auf der Straße.

6. Fast jede Bautypologie wird nach Corona zu überdenken sein und sich ändern. Wie sehen Sie das? Über Büros sprachen wir ja bereits.

Gerhard G. Feldmeyer: Ja, absolut. Aber es wird nicht dazu führen, dass wir keine Hotels oder Büros mehr planen werden. Ich denke, dass die unterschiedlichen Bautypologien alle ein wenig anders funktionieren müssen. Wir arbeiten zum Beispiel gerade an einem ein WohnungsbauProjekt, dessen Auftraggeber, ein sehr erfahrener Bauträger, stoppte das Projekt, weil er die CoronaAuswirkungen erst einmal analysieren wollte. Die Frage, die sich ja stellt: Welche Erfahrungen aus Corona können wir in den Wohnungsbau der Zukunft integrieren? Wenn wir einen Rechtsanspruch auf Home Office bekommen, was bei der Politik ja in Bearbeitung ist und wovon ich auch ausgehe, dass es kommen wird, dann wird auch der Arbeitsplatz zuhause zumindest weitgehend den Arbeitsstätten-Richtlinien genügen müssen. Das wird sich gravierend auf die Wohnungsgrundrisse auswirken.

Die tendenziell konservative Immobilienbranche - vom Entwickler über den Nutzer bis hin zum Endanleger - wird wachgerüttelt und wird sich Themen wie Gesundheit öffnen sowie neue Strategien entwickeln müssen.

Gerhard G. Feldmeyer
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