Copyright Fotografe Hans-Dieter Brand, Bauherr NEULAND Wohnungsgesellschaft mbH, Wolfsburg und Ort und name des Projketes Wohn-, Handels- und Dienstleistungsgebäude, Schlesierweg, Wolfsburg

© Fotograf Hans-Dieter Brand, Bauherr NEULAND Wohnungsgesellschaft mbH, Wohn-, Handels- und Dienstleistungsgebäude, Schlesierweg, Wolfsburg

Interview mit Axel Koschany, Geschäftsführer und Gesellschafter Koschany + Zimmer Architekten KZA

Axel Koschany studierte an der TH Darmstadt Architektur. Nach dem Studium arbeitete er einige Jahre in Delft, bevor er 1995 in das Architektenbüro seines Vaters in Essen einstieg. 1998 folgte die Berufung in den Bund der Deutschen Architekten. Seit 2004 betreut er federführend internationale Projekte und Kooperationen. 2010 wurde Axel Koschany Gesellschafter der neu gegründeten KZP Koschany + Zimmer Projektentwicklung. Wohnungsbau und städtebauliche Quartierskonzepte sind zwei der Schwerpunkte des international agierenden Büros. Axel Koschany ist federführender Partner bei der Entwicklung seriell-modularer Konzepte durch sein Büro. Vorträge, Moderationen von Vorträgen sowie Veröffentlichungen in Fachbüchern und Fachzeitschriften gehören ebenfalls zu Axel Koschanys Portfolio.

1. Wie geht es Ihnen und Ihren Unternehmen in dieser Krisenzeit? Sie haben neben dem Architekturbüro Koschany+Zimmer KZA ja noch die Koschany+Zimmer Projektentwicklung. Darüber hinaus kooperieren Sie mit der Thelen Holding.

Axel Koschany: Oh, Sie starten gleich mit einer sehr umfassenden Frage. Dem Unternehmen KZA geht es den Umständen entsprechend gut. Die ersten Wochen der Corona-Zeit haben wir auf Grund laufender Projekte wirtschaftlich gut aufgefangen, obwohl uns erste Projekte wegfielen, da den Auftraggebern im Lockdown ihr Geschäftsmodell wegbrach. Das betraf vor allem die Bautypologie Retail und leider auch ein sehr spannendes Projekt im Fitness-Bereich. Zudem funktionierte die Umstellung unseres Teams von einem Büro zu über 50 „Außenstellen“ im Homeoffice hervorragend: wir haben bereits in den letzten Jahren nahezu das gesamte Team mit leistungsfähigen Laptops ausgestattet und sehr flexible Arbeitszeitmodelle eingeführt, so dass es für die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kein Problem war, binnen 24 Stunden ihren Arbeitsplatz nach Hause zu verlegen. Auch wenn „ZOOM“ und „teams“ nicht den zufälligen Austausch an der Kaffeemaschine ersetzen können, so haben wir uns doch sehr schnell auf die neue Online-Besprechungskultur eingestellt. Im Sommer wurde es schwieriger, Projekte liefen aus und die Entscheidungen unserer Auftraggeber für neue Projekte verzögerten sich angesichts der herrschenden Unsicherheit. Aber wir konnten unser Team im Wesentlichen zusammenhalten – trotz der zwischenzeitlich notwendigen, aber glücklicherweise nur moderaten Kurzarbeit. Inzwischen kommen wieder neue Aufgaben und wir schauen zuversichtlich in die Zukunft! Die von Ihnen angesprochene Projektentwicklungs- Gesellschaft ist ein von KZA unabhängiges Unternehmen, in dem ich nur Gesellschafter bin. So ist die KZP auch frei in der Wahl der Architekten, mit denen sie zusammenarbeitet. Es geht dem Unternehmen gut, es betreut spannende Aufgaben und hat einige interessante Projekte in der Pipeline – manche mit KZA, andere mit anderen Büros. Und zur Thelen-Gruppe: sie hat mit dem Ausstieg von Wolfgang Zimmer als geschäftsführendem Gesellschafter der KZA als neuer Mitgesellschafter seine Anteile übernommen. Wie wir ist es ein familiengeführtes Unternehmen. Christoph Thelen und mein Sohn kennen sich seit Schulzeiten, und so ist mit dem Zusammengehen auch der Grundstein für die nächste Generation gelegt – so beide Söhne es am Ende denn wollen. Die Projekte der Thelen-Gruppe sind für uns im Moment wirtschaftlich eine große Hilfe, aber es ist vereinbart und auch vertraglich festgehalten, dass in „normalen“ Zeiten siebzig oder 80 Prozent unserer Projekte außerhalb der Thelen-Gruppe stattfinden. Das ist von Anbeginn von beiden Seiten so gewollt. KZA agiert – anders als manche Kritiker der Kooperation es befürchten – als Architektenbüro also weiterhin wie in den letzten Jahrzehnten frei im Markt.

2. Keiner weiß in der aktuellen Virus-Krise, wohin die Reise geht. Wie ist Ihre Einschätzung?

Axel Koschany: Ich schließe mich denen an, die sagen, dass sie nicht wirklich wissen, wohin die Reise geht – auch nach so vielen Monaten noch nicht. Der tägliche Blick in die Medien und ins persönliche Umfeld zeigt diese Unsicherheit ja auch: gestern waren wir kurz vor dem Impfstoff, heute eher doch nicht, die gesellschaftlichen Spannungen und die Diskussionen darüber, wie man einer Entwicklung begegnen soll, die man nicht vorhersagen kann, nehmen zu. Auch wenn es mittlerweile viele Lockerungen gibt, wir uns wieder frei bewegen, Freunde treffen, in Cafés sitzen und auf Geschäftsreisen gehen können, spürt man doch, auf welch schmalem Grat wir uns nach wie vor bewegen. Die Unsicherheit, wie sich alles entwickeln wird, ob es eine zweite Welle geben wird, ob sie sich mit der Grippe überlagert, all das wird uns noch lange begleiten. Zudem sind die wirtschaftlichen Folgen des letzten halben Jahres meiner Auffassung nach noch gar nicht abzusehen. Noch tragen die staatlichen Hilfen, die aber irgendwann wieder zurückgezahlt werden müssen. So erfreulich die aktuell positive Entwicklung der wirtschaftlichen Kennzahlen ist, 2021 wird ein schwieriges Jahr werden. Da wird es auch für unsere Branche nochmal für viele richtig eng werden, je nachdem, wo ein Büro seine Schwerpunkte hat und wie seine Bauherren mittelfristig aus der Krise kommen. Wir merken es im Moment an einer eher „kleinteiligen“ Beauftragung unserer Bauherren, um sich kurzfristige Exit Szenarien zu erhalten. Und diese Vorsicht betrifft ja auch den privaten Bereich, es ist also nachvollziehbar, dass derzeit fast alle mit angezogener Handbremse unterwegs sind. Es bleibt offen, welche Spuren die Pandemie hinterlassen wird. Führt sie zu einer Verunsicherung der Gesellschaft mit der Sorge, dass sich so eine Krise jederzeit wiederholen kann? Betrachten wir ab jetzt jede Grippe mit gleicher Nervosität oder kehrt Gelassenheit zurück und gehen wir davon aus, dass wir die nächsten achtzig Jahre erst einmal Ruhe vor einer Pandemie haben werden? Und was geschieht global? Das eine ist, wie wir in Deutschland damit umgehen, aber wie wird es sich in den Nachbarländern entwickeln?

Mein Eindruck ist, dass Wohnungsbau und das Wohnen selber eines der tradiertesten und beharrlichsten Handlungsfelder ist, die wir haben. Am Ende haben doch Viele gerne das, was sie kennen, worin sie selber groß geworden sind. Sicher, mit gewissen Abweichungen, gerne ein bisschen größer, heller, besser ausgestattet – aber am Ende sind es die über Jahre unveränderten, bewährten Grundrisstypologien. Es ist daher ein dickes Brett, im Wohnungsbau zu versuchen, Dinge grundsätzlich anders zu machen, weil Sie in der Regel mit Partnern zu tun haben, die mit der Vermarktung ihrer Wohnungen in der Vergangenheit Erfolg hatten.

3. Eine Rückkehr zu der Zeit vor dem Virus wird es wohl nicht geben, Gesellschaft und Wirtschaft werden sich dauerhaft verändern. Welche Veränderung wird es Ihrer Einschätzung nach in der Architektur beziehungsweise in dem Anspruch an Sie geben?

Axel Koschany: Da stimme ich Ihnen zu, eine Rückkehr in die „Normalität“ vor Corona wird es nicht geben, nicht ohne Grund wird über eine „neue Normalität“ gesprochen. Wir machen uns viele Gedanken über mögliche Veränderungen, sind diesbezüglich aber noch nicht zu finalen Ergebnissen gekommen – wie auch, angesichts der vielen gerade angesprochenen offenen Fragen. Auswirkungen auf die Architektur kann man aus heutiger Sicht auch nur erahnen: Vermutlich werden sich die Bürowelten durch die mit dem Home-Office gemachten Erfahrungen verändern. Dabei ist es spannend zu verfolgen, was dazu veröffentlich wird. Vor einigen Wochen war in der FAZ ein Artikel mit der Überschrift “Tod des Büros“ überschrieben, in anderen Publikationen wird von den Problemen geschrieben, die sich aus der räumlichen und zeitlichen Verschmelzung von und Wohnen und Arbeiten ergeben, wenn Paare und Familien über einen längeren Zeitraum auf ihre Wohnung beschränkt werden. Bei uns kamen nach den ersten Wochen die ersten Kolleginnen und Kollegen wieder ins Büro, da ihnen der direkte Austausch untereinander fehlte – und weil dem ein oder anderen zuhause wohl auch die Decke auf den Kopf gefallen ist. Ein Bauherr, den wir seit über 30 Jahren betreuen und für den wir seinen Unternehmenscampus planen, hatte bislang eine sehr klare Vorstellung von der Architektur seiner Bürogebäude und ihrer inneren Struktur. Jetzt stellt sich die Frage, ob Open Space Zonen und die Dichte ihrer Besetzung mit Arbeitsplätzen in Zukunft so bleibt wie bisher. Wenn Sie mit einem Vorstand des Unternehmens sprechen, der etwa mein Alter hat, sieht er alle Mitarbeiter demnächst wieder täglich im Unternehmen. Eine Führungskraft aus einer deutlich jüngeren Generation sieht das ganz anders. Grundsätzlich glauben wir, dass sich auf der operativen Ebene viel verändern und das mobile Arbeiten strukturell zunehmen und ein bleibender, selbstverständlicher Teil unserer Arbeitswelt werden wird. Dennoch bleibt das Büro als Treffpunkt und Anlaufstelle für alle unverändert wichtig, es hilft nicht nur, den Team-Spirit am Leben zu erhalten, sondern ist auch für den fachlichen Austausch unentbehrlich. Keine geplante Videokonferenz ersetzt die zufällige Begegnung an der Kaffeemaschine! Auch in der Wohnungswirtschaft gibt es unterschiedliche Haltungen. Es gibt die einen, die ihre Konzepte unverändert fortsetzen wollen, während andere innehalten und ihre „Produkte“ überdenken: wie ist das mit den Wohnungsgrößen und der Zimmeranzahl, wenn der Esstisch als Ort für zwei Home-Arbeitsplätze und Ort für Hausaufgaben überlastet ist, wenn offene Küchen vielleicht doch nicht das Optimum sind, wenn dort jeden Tag gekocht wird und nicht nur am Wochenende. Reichen die Abstellräume, wenn uns gesagt wird, dass wir idealerweise immer für ca. 10 Tage Vorräte im Haus haben sollten. Und wie ist das mit den Förderrichtlinien, sind sie mit ihren Flächenvorgaben eigentlich noch zeitgemäß, wenn „Home“ in Zukunft zumindest zeitweise auch „Office“ sein wird? Als Architekten werden wir beobachten, wie sich Bauherren mit der Krise und ihren Folgen auseinandersetzten und sie dabei aktiv begleiten. Dabei wird sich auch unser Arbeiten in Zukunft sicherlich ein stückweit verändern.

4. Ist die Krise auch eine Chance für unsere Baukultur?

Axel Koschany:Das ist schwer zu beantworten. Was ist „unsere Baukultur“? Unsere Baukultur ist ja gar nicht so schlecht. Sie ist unbeschreiblich vielfältig – sicher auch in ihrer Qualität. Und jede Krise ist auch eine Chance, wie der viel zitierte chinesische Spruch besagt. Diese Krise zeigt uns, was möglich ist: wir haben alle miterlebt, wie eine Gesellschaft schlagartig abgeschaltet wurde. Vor neun Monaten haben wir uns zu Silvester ein schönes neues Jahr gewünscht und uns auf coole Zwanzigerjahre gefreut. Zweieinhalb Monate später haben wir hinter uns die Türen abgeschlossen, sind zu Hause geblieben und sind nicht mehr gereist. Viele Debatten, die vermutlich Jahre bis zu einer Entscheidung gebraucht hätten, waren plötzlich binnen 48 Stunden entschieden. Das fand ich sehr beeindruckend, auch wie die Gesellschaft das mitgetragen hat. Wir haben alle wie durch ein Brennglas auf Dinge geschaut, die plötzlich nicht mehr funktionierten oder nicht mehr so funktionierten, wie wir es gewohnt waren. Wir leben in einer On-Demand-Gesellschaft und sind es gewohnt, in den Laden zu gehen, zu kaufen oder über das Internet zu bestellen, was wir brauchen. Aber wir haben schnell gelernt, wie es anders gehen und worauf man verzichten kann. Was man an Lebensqualität gewinnt, wenn nicht mehr alles jeder Zeit geht – weil das eher ein Gewinn als ein Verlust ist. Weil Qualität wieder eine größere Bedeutung bekommt. Es wäre schön, wenn diese Erkenntnis auch auf unsere Baukultur einwirken würde. Ich befürchte allerdings, diese Chance wird in vielen Fällen ungenutzt verstreichen.

Die Menschen haben in der Zeit des Lockdowns ihre Wohnungen in einer Intensität erlebt, die sie vorher nicht kannten. Wohnungen, deren Zimmer - bis auf einen halben Quadratmeter genau gemäß den geltenden Förderrichtlinien zugeschnitten – den Eltern weder Raum für einen Schreibtisch und den Kindern zu wenig Platz zum Spielen lassen, wenn draußen die Spielplätze gesperrt sind, genügen meiner Überzeugung nach nicht mehr den zukünftigen Ansprüchen. Also muss man nach meinem Dafürhalten die Flächenvorgaben der Förderrichtlinien neu definieren.

5. Die Krise ist wie ein Beschleuniger längst vorhandener Trends, die sich als wahrer Innovationstreiber der kommenden Jahre herausstellen werden. Welche Trends sind das aus Ihrer Sicht?

Axel Koschany: Die Digitalisierung ist sicherlich einer der wesentlichen Innovationstreiber und hat jetzt durch die Corona-Krise auch in Deutschland in allen Bereichen enorm an Fahrt aufgenommen. Verfolgt man die Debatte über die letzten Wochen und Monate in den Schulen, so scheint das auch dringend notwendig zu sein. Meine Kinder studieren und sind voll digitalisiert, mein Sohn hat seine Bachelor-Arbeit den Professoren und Zuhörern via Teams präsentiert, was für mich den großen Vorteil hatte, dabei sein zu können, ohne in München zu sein. Aber viele meiner Freunde haben Kinder, die noch zur Schule gehen. Sie waren teilweise fassungslos darüber, wie hilflos das System Schule über Wochen mit der Situation umgegangen ist. Zur Digitalisierung gehören auch die Erkenntnisse aus der Arbeitswelt, Stichwort „mobiles Arbeiten“, moderne, flexible Arbeitszeitmodelle. Viele Unternehmen, die sich bisher geziert haben, sich damit zu beschäftigen, geschweige denn, es einzuführen, mussten es jetzt tun. Ich habe mit vielen Führungskräften gesprochen, die teilweise hinter vorgehaltener Hand zugegeben haben, dass es viel besser lief, als sie immer befürchtet hatten und sie ganz froh waren, es ohne weitere Diskussionen machen zu müssen. An unseren Arbeitsmodellen hängt auch das Thema Mobilität. Es gehört wie der Klimawandel zu den großen gesellschaftlichen Themen, die wir schon vor der Krise hatten. Durch die Krise gerieten sie erst einmal in den Hintergrund, aber jetzt kommen sie wieder hoch: Die Schüler und Studenten von „Friday for Future“ haben für Ende September wieder einen Tag der Demonstration angemeldet – natürlich unter Corona-Bedingungen. Es wird spannend sein zu beobachten, was geschieht, wenn dieselben Politiker, die im Frühjahr ad hoc einschneidende Entscheidungen getroffen haben, um unser Leben zu schützen, beim Thema „Klima“ weiterhin eher von Dekaden reden, wenn es um die Einführung neuer Regeln zum Schutz des Klimas geht. Denn da geht es letztlich auch um unser Leben. Die Klimadiskussion muss und wird darum auch unseren Berufsstand in Zukunft noch mehr beschäftigen! In der Baubranche haben wir weltweit mit den größten CO2 Verbrauch. Hier trägt unser Berufsstand eine Verantwortung, die wir zusammen mit der Bauindustrie noch stärker in Angriff nehmen müssten, als wir es bisher tun. Durch unseren Einstieg in das modularserielle Bauen sind wir als Büro mit vielen Unternehmen im Gespräch, und sie alle treibt das Thema um. Gemeinsam kann man da einiges bewegen! Und das Thema Mobilität bleibt natürlich immens wichtig. Vor Corona wurden wir aufgefordert, mehr die öffentlichen Verkehrsmittel und das Fahrrad zu nutzen. Corona fiel in die warme Jahreszeit, da ist das Fahrrad für viele eine echte Alternative. Nicht ohne Grund waren die Läden leergekauft und reichen die Lieferzeiten bis ins nächste Jahr. Aber der öffentliche Nahverkehr hat ein echtes Problem: zuerst hieß es, man soll ihn nur nutzen, wenn es wirklich notwendig war und die Taktung wurde runtergefahren. Dadurch wurde es in den Straßenbahnen doch wieder voll. Also hat man die Taktung wieder hochgefahren. Zugleich nutzen die Menschen jetzt wieder vermehrt ihr Auto, weil sie sich darin sicher fühlen, was für die gewünschte Entwicklung „weg vom Auto“ ein spürbarer Rückschritt ist. Warten wir ab, wie sich die Mobilitäts-Diskussion angesichts der Konsequenzen aus der Pandemie entwickeln wird. Abseits aller Entwicklungen rund um Stadt, Arbeitswelt, Architektur und Digitalisierung finde ich noch einen anderen Trend hoch spannend zu beobachten: die Sicht auf unsere Ernährung! Nicht nur die Erkenntnis vieler Menschen zu Beginn des Lockdowns, dass man zum Brotbacken nicht nur Mehl, sondern auch Hefe benötigt, sondern wieder regelmäßig selber kochen zu müssen, weil Restaurants und Kantinen geschlossen sind. Und damit ein Gefühl dafür zu bekommen, was wann in der Region wächst, weil die Grenzen dicht sind und nicht mehr alles jederzeit verfügbar ist: das hat – neben den Erkenntnissen, wie mit Blick auf die Situation in den großen Schlachtbetrieben die Ernährungsindustrie „funktioniert“, damit das Schnitzel beim Discounter nur 1,99 € kostet – bei vielen zu einem veränderten Bewusstsein geführt. Ob es anhält? So oder so wirkt Corona in viele gesellschaftliche Themen hinein.

6. Sie haben unter anderem eine große Expertise im Bereich Wohnungsbau. Ist eine Revolution in dieser Typologie nicht längst überfällig? Eine Evolution bestimmt, aber gleich eine Revolution...?

Axel Koschany: Die meisten für die Vermietung verantwortlichen Mitarbeiter von Wohnungsbaugesellschaften würden Ihnen darauf antworten, dass sie nur das bauen, was die Mieter wollen. Denn sie kennen ihre Mieter. Und diese wollen keine Revolution. Wir haben zu dem Thema schon sehr kontroverse Gespräche geführt. Mein Eindruck ist, dass Wohnungsbau und das Wohnen selber eines der tradiertesten und beharrlichsten Handlungsfelder ist, die wir haben. Am Ende haben doch Viele gerne das, was sie kennen, worin sie selber groß geworden sind. Sicher, mit gewissen Abweichungen, gerne ein bisschen größer, heller, besser ausgestattet – aber am Ende sind es die über Jahre unveränderten, bewährten Grundrisstypologien. Bei individuellen, auf die Auftraggeber maßgeschneidert zugeschnittenen Häusern ist das anders. Wir dürfen gerade so ein Haus entwerfen, es macht unglaublich viel Spaß! Aber sobald es um größere Projekte geht, seien es Miet- oder Eigentumswohnungen im Geschosswohnungs- bau, sind schnell wieder die bekannten Typologien gefragt, von denen der Auftraggeber ausgeht, dass sich viele potentielle Mieter oder Käufer darin buchstäblich wiederfinden. Es ist daher ein dickes Brett, zu versuchen, Dinge grundsätzlich anders zu machen, weil Sie in der Regel mit Partnern zu tun haben, die mit der Vermarktung ihrer Wohnungen in der Vergangenheit Erfolg hatten. Wohnungsbaugesellschaften haben ihre Gebäude ja 50 Jahre und länger im Bestand. Also sind sie bestrebt, so etwas wie „neutrale“ Wohnungen zu bauen, die im Laufe dieser langen Zeit zu möglichst vielen, unterschiedliche Mietern passen. Das, was die Masse des Wohnungsbaus ausmacht, findet sich genau darin wieder. Ich habe mich in den letzten Monaten immer wieder mit Akteuren aus der Wohnungswirtschaft unterhalten. Die Varianz in den Rückmeldungen ist sehr unterschiedlich, von der Idee, jetzt auch mal etwas Neues machen zu müssen bis hin zu der Überzeugung, dass sich nichts ändern muss. Eine sehr schöne Erfahrung haben wir Anfang des Jahres mit einer seit fast 70 Jahren bestehenden Mülheimer Wohnungsbaugesellschaft gemacht: Als die Vorplanung zu unserem gemeinsamen Projekt abgestimmt und freigegeben war kam eine neue Mitarbeiterin ins Unternehmen und übernahm den Bereich Vermietung. Sie war mit den Grundrissen nicht glücklich und schlug eine Überarbeitung vor. So setzten wir uns zusammen und überlegten, was wir in der gleichen Gebäude-Konfiguration anders machen könnten. Dabei sind richtig coole Wohnungen herausgekommen. Wir haben eine ganz neue Varianz in den Grundrissen erhalten, selbst Maisonette-Wohnungen waren wieder möglich. Das Projekt geht jetzt in die nächsten Planungsphasen. Es ist nicht groß, aber es ist für das Unternehmen ein Test, um zu schauen, wie diese Wohnungen ankommen. Eine Frage, die sich mir noch stellt, ist, ob nach den Erfahrungen der letzten Monate die geltenden Förderrichtlinien noch angemessen sind. Ich hatte es vorhin schon angesprochen. Die Menschen haben in der Zeit des Lockdowns ihre Wohnungen in einer Intensität erlebt, die sie vorher nicht kannten. Wohnungen, deren Zimmer – bis auf einen halben Quadratmeter genau gemäß den geltenden Förderrichtlinien zugeschnitten – den Eltern weder Raum für einen Schreibtisch und den Kindern zu wenig Platz zum Spielen lassen, wenn draußen die Spielplätze gesperrt sind, genügen meiner Überzeugung nach nicht mehr den zukünftigen Ansprüchen. Also muss man nach meinem Dafürhalten die Flächenvorgaben der Förderrichtlinien neu definieren. Das wäre dann die von Ihnen angesprochene Revolution. Na ja, zumindest einen kleine...

Wenn ein Investor in der Münchner Maxvorstadt ein Grundstück kauft, es über 8 Jahre als Baulücke liegen lässt, um es dann für das Vielfache des Einkaufspreises weiterzuverkaufen, dann reden wir von Spekulation, der es Grenzen zu setzen gilt. Denn für den neuen Eigentümer rechnet sich der Kauf nur, wenn er hochpreisigen Wohnraum errichtet, was wieder Auswirkungen auf das gesamte Quartier haben wird.

Axel Koschany
Koschany + Zimmer Architekten KZA

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